Büroangestellte Schweden, Schwedische Arbeitnehmer lassen sich Chip implantieren – freiwillig?


RFID-Chip Büroangestellte Schweden.

Schwedische Arbeitnehmer lassen sich Chip implantieren – freiwillig

Es klingt wie aus einem Science-Fiction-Film: In Schweden lassen sich Büroangestellte einen Chip einpflanzen. Schwappt die Cyborg-Welle auch nach Deutschland? Datenschützer sind alarmiert.

25.02.2015, von SVEN ASTHEIMER UND SEBASTIAN BALZTER

 

© REUTERSVergrößernDer Chip ist immer am Mann: Die Hand des kanadischen Vorreiters Amal Graafstra. In Schweden macht sein Beispiel Schule.

Hannes Sjöblad braucht keine Zugangskarte mehr, um in sein Büro zu kommen. Auch in das Fitnessstudio geht der Schwede ohne Kundenkarte. Und das Handy entsperrt er, ohne eine Pin einzugeben. Sjöblad hat sich im vergangenen Herbst zwischen Daumen und Zeigefinger einen reiskorngroßen Chip unter die Haut pflanzen lassen, der all diese Aufgaben übernimmt. Sobald seine Hand in die Nähe eines geeigneten Lesegeräts oder Empfängers kommt, ist er identifiziert. „Und das ist längst nicht alles“, schwärmt er. „Der Chip macht das Leben noch viel einfacher.“ Was wie Science-Fiction klingt, ist für eine kleine, aber rasch wachsende Gruppe in Schweden schon Alltag. Mindestens 300 Menschen haben sich dort bislang einen RFID-Chip implantieren lassen, der mit der sogenannten Nahfeldkommunikationstechnik ausgerüstet ist. 

Nicht nur in der Hauptstadt Stockholm, auch anderswo lassen sich damit inzwischen eine Reihe von Büros, Fitnessstudios und Waschsalons betreten. Bei Handys und Computern kommt es auf das Betriebssystem an. Der Verein Bionyfiken, der sich der Verschmelzung von Technik und Körper verschrieben hat, treibt den Trend voran. Hannes Sjöblad, Ende 30, ist sein Vorsitzender. Der jüngste Coup des Vereins war die Eröffnung eines supermodernen neuen Bürohauses im Zentrum von Stockholm.

In dem „Epicenter“ genannten Gebäude, dem Vorzeigeprojekt eines großen schwedischen Immobilienentwicklers, sollen Start-ups und andere Unternehmen mit bis zu 80 Mitarbeitern Platz finden, um neue Ideen für die digitale Welt zu entwickeln. Es gibt eine schicke Cafeteria, Lounges, Veranstaltungsräume. Alles sieht auf diesen 5000 Quadratmetern so lässig und gleichzeitig edel aus, als hätte Google seine Zentrale von skandinavischen Designern einrichten lassen. Und zur Eröffnungsparty im Januar wurde, von Sjöblad vermittelt, ein mobiles Piercingstudio eingeladen. Künftige Nutzer des Gebäudes konnten sich gleich an Ort und Stelle einen Chip in die Hand einsetzen lassen, mit dem sie alle Türen öffnen und die Kopierer im „Epicenter“ benutzen können. Sogar der Chef des Immobilienkonzerns unterzog sich der kurzen, aber schmerzhaften Prozedur.

Bei Haustieren gang und gäbe

Wer nun denkt, Schweden sei weit weg, und die Implantate für eine verrückte Idee weniger Spinner hält, sei daran erinnert, dass das Verfahren hierzulande bei Haustieren seit eineinhalb Jahren gang und gäbe ist. Chips im Ohr oder als Implantat speichern die Identitätsnummer, Angaben zum Besitzer und die Behandlungsdaten des Tierarztes. Warum soll bei Menschen nicht funktionieren, was bei Vierbeinern längst Standard ist? Wird das subkutane Speicherwunder künftig auch unseren Arbeitsalltag vereinfachen? Gewerkschaften gruselt es bei dieser Vorstellung. Annelie Buntenbach, Bundesvorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Datenschutzexpertin, sagt: „Solche Praktiken sehen wir höchst problematisch, sie widersprechen dem Persönlichkeitsschutz.“

Schon jetzt könnten Verhaltensmuster durch Chips auf Personalausweisen, Kreditkarten oder die Handy- und Online-Daten nahezu vollständig erfasst werden, und die Menschen hätten kaum Einfluss auf die Verwertung. „Jetzt auch noch Chips unter der Haut zu tragen würde diese Erfassung über jede zumutbare Grenze weit hinaustreiben.“ Deutschland brauche mehr, nicht weniger Arbeitnehmerdatenschutz, findet Buntenbach. „So lange können Türen und Kopierer sicher noch ohne eingespritzte Chips bedient werden.“ Rechtlich ist das „Chippen“ von Arbeitnehmern in Deutschland Neuland, es gibt zumindest bislang noch keine Rechtsprechung dazu.

„Das Ganze muss aber auf jeden Fall freiwillig sein“, sagt Lara Sherman von der Frankfurter Kanzlei Pflüger Rechtsanwälte. Niemand dürfe zu einem Implantat gezwungen werden, das verhindere das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Als Kündigungsgrund halte eine Weigerung demnach also nicht stand. Auch wer sich freiwillig einen Chip einsetzen lasse, sollte laut Sherman die Hoheit über seine Daten nicht hergeben. Das Bundesdatenschutzgesetz verlange, dass der Betroffene ausdrücklich einwillige, welche Daten verwendet werden; ob also nur Tür und Kantine mit dem Chip gesteuert werden oder noch andere Funktionen beinhaltet sind. „Das muss im Vorfeld schriftlich und eindeutig erfolgen“, sagt die Anwältin.

Technisch machbar, höchst umstritten

Auch in Schweden halten die organisierten Arbeitnehmervertreter nicht viel von der schönen neuen Arbeitswelt mit Chip. Aus der Zentrale des dortigen Gewerkschaftsbundes heißt es, Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit der Arbeitnehmer lasse das Arbeitsschutzgesetz nicht zu. Außerdem eröffneten sich dadurch zu viele Möglichkeiten, Daten zu sammeln und zu missbrauchen. Das Argument parieren die Anhänger der neuen Technik indes aus dem Stegreif. „Lieber nutzen wir die Chips jetzt schon freiwillig und finden heraus, welche Risiken darin stecken, als dass uns in ein paar Jahren die großen Internetkonzerne damit überrollen“, argumentiert Hannes Sjöblad von Bionyfiken. Gerade hat der Verein zu diesem Zweck eine Zusammenarbeit mit dem renommierten Computersicherheitsdienstleister Kaspersky abgeschlossen.

Die deutsche Technologieszene reagiert auf dieses Forschungsangebot zurückhaltend. Georg Sigl, Leiter am Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit, kurz AISEC, ist skeptisch, was den verbreiteten Einsatz von Chiptechnologie im Menschen angeht: „Eine technisch machbare Sache, die aber keiner braucht.“ Technisch basiert diese „Sache“ auf der kontaktlosen Chipkartentechnologie, die relativ ausgereift und verbreitet ist. Zum einen auf dem Standard ISO14443, wie er in Bezahlkarten und elektronischen Ausweisdokumenten vorkommt. Die Auslesedistanz ist dabei sehr gering und beträgt nur rund 10 Zentimeter. Mit ISO15693, das etwa für Skipässe verwendet wird, kommt man schon mit einem Abstand von rund 70 Zentimetern an die begehrten Daten heran. „Manche Chips sind sehr unsicher“, warnt Sigl.

Sie dienen nur dazu, eine Nummer auszulesen, die dann mit gespeicherten Informationen verbunden wird. In diesen Fällen wird versucht, die Sicherheit mit den Hintergrundsystemen sicherzustellen. Den heiklen Punkt solcher Systeme, ob implantiert oder nicht, stellt die Informationshoheit dar – also die Frage, wer auf persönliche Daten zugreifen kann und ob das der Chipträger überhaupt mitbekommt. Sigl zählt Beispiele für solche Angriffe auf. Ein sehr bekanntes stammt vom Hamburger Flughafen, wo das Wachpersonal dank seiner Sicherheitsausweise Zugang zu Sicherheitstüren etwa zum Rollfeld erlangt. Im Versuch wurde ein Lesegerät verwendet, das locker in einen Rucksack oder mittlerweile sogar in Jackentaschen passt. Geht man damit nahe an der Zielperson vorbei, lassen sich deren Daten vom Chip auslesen. Im Hamburger Versuch brauchte der Datendieb dann nur noch das Lesegerät vor die Sicherheitstür zu halten, und dieselbe öffnete sich dank der geklauten Daten.

Datenübertragung schon beim Händeschütteln

Eine andere Masche wurde vor einiger Zeit ebenfalls erfolgreich getestet. Ein Täter hielt dabei den Ausleserucksack in einem Supermarkt nahe genug an den Autoschlüssel der Zielperson. Die gekaperten Daten wurden über eine Drahtlosverbindung so verstärkt, dass draußen auf dem Parkplatz die Verriegelung des Fahrzeugs der Zielperson aufsprang, während diese nichtsahnend einkaufte. „Die Gefahr eines Hackerangriffs ist generell groß bei Systemen, die nicht noch eine zusätzliche Bestätigung erfordern“, warnt Sigl. Also etwa beim Auto den Knopfdruck zum Öffnen des Fahrzeuges oder bei Bezahlsystemen die Eingabe eines Pin-Codes.

Übertragen auf den Arbeitnehmer, der einen Chip unter der Haut trägt, heißt das: Schon beim Händeschütteln könnte sich ein geschickter „Geschäftspartner“ womöglich der eigenen Daten ermächtigen, ohne dass man davon etwas mitbekäme. Viel schwieriger als das heimliche Datenauslesen sei es dagegen, einen solchen Chip heimlich umzuprogrammieren. Dies funktioniere nicht mal eben so im Vorbeigehen – bislang jedenfalls nicht.

Zwar sind die heute speicherbaren Datenmengen noch überschaubar. „Auf einen solchen Chip passen einige hundert Bytes“, sagt Christian Wiebus von NXP aus Hamburg. Das ehemalige Tochterunternehmen des Philips-Konzerns ist spezialisiert auf IT-Sicherheit bei Identifizierungs- und Bezahlsystemen. Der Chip etwa in einem Reisepass enthält dagegen Informationen von rund 80 Kilobyte. Aber es sei wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch solche Volumina auf sehr kleine Speicher passten.

„Viele Menschen gehen sowieso sorglos mit Daten um“

Die Gefahr einer lückenlosen Dauerüberwachung von Trägern des implantierten Chips schätzt Wiebus zumindest derzeit noch gering ein, da die Daten nicht auf mehrere hundert Meter auslesbar seien. Das Implantat sei dafür aber auch gar nicht unbedingt nötig. „Denn viele Menschen gehen ohnehin mit ihren Daten sehr gedankenlos um.“ Die Debatte um Technologie-Implantate hat schon eine längere Geschichte. Der Kanadier Amal Graafstra hat vor mehr als zehn Jahren mit einem RFID-Chip in der Hand für hitzige Debatten über die Grenzen für den Einsatz von moderner Technologie gesorgt. Der Philosophiedozent Michael Nagenborg organisierte 2008 eine Konferenz zu dem Thema.

Die damals erwartete breite kommerzielle Nutzung sei bislang ausgeblieben, sagt er: „Es gibt nur wenige Beispiele, etwa in der Medizin.“ Dagegen sei ein Club in Barcelona, der seinen Gästen dank RFID-Implantaten bargeldloses Bezahlen ermöglichte und damit durch zahlreiche Medien geisterte, mittlerweile von der Bildfläche verschwunden. Nagenborg nennt RFID „eine Zwischenlösung“. Heute gebe es viel ausgefeiltere Überwachungsmethoden wie vernetzte Kamerasysteme, die mit biometrischen Systemen wie Gesichtserkennungssoftware arbeiten.

„Die arbeiten heimlich und sind deshalb viel gefährlicher“, warnt der Dozent der Hochschule Twente. „Beim RFID-Chip willige ich wenigstens freiwillig in die Implantierung ein.“ Die Freiwilligkeit spielt für Nagenborg eine entscheidende Rolle. Und gerade dort hegt er große Zweifel bei der Frage nach kommerzieller Nutzung in Unternehmen. Während der Testphase funktioniere der Drucker sicherlich noch ohne Chip. „Das kann sich aber im Laufe der Zeit ändern, und dann heißt es: ,Lass dir halt einen Chip implantieren.‘“

Chip-Partys für Cyborgs bald auch in Deutschland?

Diese Gefahr sieht auch Fraunhofer-Leiter Sigl. Er persönlich habe mit einem implantierten Kennungschip wie im schwedischen Beispiel kein Problem, solange sich ein Erwachsener bewusst dafür entscheide. „Allerdings darf es nicht zu einem Gruppenzwang kommen, der die Freiwilligkeit einschränkt“, sagt der Wissenschaftler. Letztendlich glaubt auch er nicht, dass sich die Chipimplantierung in deutschen Büros durchsetzen wird. Zumindest sei bei ihm bislang noch keine Anfrage aus der Wirtschaft angekommen. Die schwedischen Pioniere sind da ganz anderer Meinung.

Zuerst gelte es, den Schlüsselbund und die Pin zu ersetzen, als Nächstes komme die Brieftasche, sagen Hannes Sjöblad und seine Mitstreiter. Sich selbst bezeichnen sie hin und wieder ganz ohne Scheu als Cyborgs – als Mischwesen aus Fleisch und Blut einerseits, moderner Technik andererseits. Es werde nicht mehr lange dauern, prognostizieren sie, bis mit dem Chip auch Tickets für den öffentlichen Nahverkehr zu kaufen seien. Danach würden auch Bibliotheken und Supermärkte den Chip als Alternative zu ihren Benutzer- und Kundenkarten akzeptieren und Banken als Alternative zur Kreditkarte Implantate anbieten. Und schließlich werde der Chip genügen, um ins Theater oder ins Kino zu gehen und für einen Flug einzuchecken.

In Stockholm wird es in den nächsten Wochen gleich mehrere Chip-Partys geben, die Zahl der schwedischen Cyborgs dürfte also weiter steigen. Die Mieter für das „Epicenter“ in Stockholm stünden schon Schlange, heißt es von dem Immobilienkonzern. Und Hannes Sjöblad von Bionyfiken wundert sich zunehmend über die Skepsis, die ihm mancherorts entgegenschlägt. „Worauf warten wir noch? Wir können damit doch nur gewinnen.“ Die ersten Cyborg-Vereine haben sich inzwischen auch in Deutschland gegründet.

#Quelle #FAZ:

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